Japanisch für den allergrößten Volltrottel, der sich niemals fortpflanzen sollte

Kapitel 44-

Aber nicht ausrutschen!

Es ist ein allseits bekanntes Klischee, dass wir Ösis über 9000 Feiertage pro Jahr haben. Ob dieses Klischee wahr ist, kann ich nicht bestätigen – schließlich lebe ich schon mein ganzes Leben lang hier und kenne nichts anderes – aber ich kann ja schnell auf Wikipedia nachgucken.

Ja, hier steht, Deutschland hat durchschnittlich 10 gesetzliche Feiertage pro Jahr, während Österreich 17 hat. Ich lache über euren Mangel an freien Tagen.
Japan steht übrigens mit seinen 祝日 (shukujitsu, gesetzlicher Feiertag) auch nicht so schlecht da, denn immerhin sind es 15 per anno. Zumindest laut Wikipedia, ich mach mir doch nicht die Arbeit und zähl sie nach.

Jedenfalls gibt es gar nicht allzu viele Tage, an denen sich Japanerinnen und Japaner untereinander beglückwünschen. Tatsächlich spricht man den Großteil dieser feiertagsabhängigen Floskeln nur an Tagen aus, die von der westlichen Welt erfunden wurden.

All diese Phrasen enthalten das Wörtchen 御目出度う (o-medetou, Glückwunsch). Das kommt vom Adjektiv 目出度い (medetai) und bedeutet… glücklich. Oh Wunder. Wahlweise kann man auch ein ございます (gozaimasu, Kopula) hinten dranhängen, um besonders traditionell zu wirken.

Morgen ist der heilige Abend, also fangen wir doch gleich mal mit Weihnachtsglückwünschen an. Für Weihnachten gab es damals im feudalistischen, buddhistisch-shintoistischen Japan kein eigenes Wort, denn zur Geburt Jesu Christi waren die Internetleitungen noch so lahm, dass die E-Mails mit der frohen Botschaft erst zu 幕末 (bakumatsu, Ende der Edo-Zeit) die ersten japanischen POP-Server erreichten. Kurzerhand hat man sich entschlossen, das englische Wort für „Weihnachten“ zu japanisieren – クリスマス (kurisumasu, „Christmas“). Wenn also in Japan die Bescherung stattfindet und die ganze Familie traditionellen Weihnachtskuchen schnabuliert, sagt man sich untereinander クリスマス御目出度う (kurisumasu o-medetou, „Fröhliche Weihnachten!“). Fast noch häufiger hört man aber eine komplette Japanisierung des englischen Grußes – メリクリスマス (meri kurisumasu, „Merry Christmas!“). Es existiert zwar ein japanisches Wort für Weihnachten (聖誕祭, seitansai), aber das wird nicht als Gruß benutzt. Wadoku sagt mir außerdem, dass ノエル (noeru, „noël“) als Gallizismus für „Weihnachten“ im Japanischen existiert.

Ostern, ebenfalls ein christlicher Brauch, wird in Japan kaum gefeiert (und daher auch kaum beglückwünscht), aber das hielt die Japaner nicht davon ab, für den wichtigsten Tag der gläubigen Christenheit einen Gruß zu erfinden. Üblicherweise passt das englische イースター御目出度う (iisutaa o-medetou, „Happy Easter!“), aber falls man sich ganz japanisch halten will, ist auch 復活祭御目出度う (fukkatsusai o-medetou) in Ordnung.

Egal, ob man traditionell im Kimono oder westlich mit Anzug und Brautkleid heiratet, der Gruß ist immer derselbe: 結婚御目出度う (kekkon o-medetou, „Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit!“). Joa, mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.

Nicht nur gesetzliche Feiertage, auch individuelle… feierliche… äh, egal, auch für Geburtstage gibt es eine Floskel, die man mit „Alles Gute zum Geburtstag“ übersetzen könnte. Und ja, dieser Gruß wird genauso gebildet, wie alle anderen auch. Zuerst sagt man das Wort für „Geburtstag“ (お誕生日, o-tanjoubi) und setzt dann ein 御目出度う dahinter. Dem tollen Autor dieses Artikels sagt ihr das am 四月十三日 (shigatsu juusannichi, 13. April)!

Zum Schluss noch ein Fest, das in Japan groß gefeiert wird: Neujahr. Seit dem 19. Jahrhundert feiern Japaner nach dem Gregorianischen Kalender am 1. Jänner (bzw. Januar, ihr Saupreußen) das Neujahrsfest mit 味噌汁 (misoshiru, Miso-Suppe), 凧揚げ (takoage, Drachensteigen), 餅つき (mochitsuki, Reiskuchen-stampfen) und allem, was sonst noch so dazugehört. Trifft man sich an dem Tag mit Familie und Freunden, begrüßt man sich gegenseitig mit 明けまして御目出度う (akemashite o-medetou, „Frohes neues Jahr!“) oder 新年御目出度う (shinnen o-medetou), oder sogar in Kombination: 新年あけまして御目出度う (shinnen akemashite o-medetou). Oder man gehört zur coolen Badboyz-Gang, dann kann man auch あけおめ (ake o-me) sagen. Oder man findet 御目出度う so doof, dann kann darf man 良い年を迎えてください (yoi toshi wo mukaete kudasai) verwenden. Und ich wette, es gibt noch 10 andere Möglichkeiten dafür, die nicht mal ich kenne.

In diesem Sinne: メリクリスマス und あけおめ, Kapitel 45 kommt erst im nächsten Jahr, da ich mich nächsten Sonntag auf der Piste mit zwei Brettern und Stöcken vergnügen werde :3

Autor:
Datum: 23.12.2012
Kategorien: Blog, NanaOne-Japanischkurs

  1. 1 | Zockerfreak

    Jaha, dann Hals- und Beinbruch bei deiner Tour. ^^

    meri kurisumesu und akemashite o-medetou euch allen!

    BTW: Ein Kumpel hat Morgen zusätzlich noch Bday, dann kann ich gleich noch ein o-tanjoubi o-medetou aussprechen :D

  2. 2 | Herakles

    Macht doch mal Giongo und Gitaigo, wäre sicher sehr nützlich.

  3. 4 | Drekelmann

    Kleiner Schreibfehler in der Einleitung: “den Großteil dieser feiertagsabhängige Floskeln” -> “feiertagsabhängigen

    御目出度う / o-medetou: Wird das mit langem o oder o+u am Ende gesprochen? Normalerweise verlängert ein う ja das vorangehende お, aber immer wenn ich bisher ein う hinter einem Kanji gesehen habe, wurde das o+u gesprochen. Das waren allerdings, wie ich es auch gelernt hatte, sämtlich Verben (思う usw.).

    Wenn also in Japan die Bescherung stattfindet und die ganze Familie traditionellen Weihnachtskuchen schnabuliert

    Hmmm… Man könnte noch erwähnen, dass Weihnachten in Japan eher ein Fest für Verliebte ist. Neujahr ist der bedeutend wichtigere Feiertag.

    四月十三日

    Na, da kann man doch nur hoffen, dass es kein Freitag ist…

    PS. Ja, knapp dran vorbei. Noch mal Glück gehabt.

    • 5 | naich

      Kleiner Schreibfehler in der Einleitung

      Danke, korrigiert.

      御目出度う / o-medetou: Wird das mit langem o oder o+u am Ende gesprochen? Normalerweise verlängert ein う ja das vorangehende お, aber immer wenn ich bisher ein う hinter einem Kanji gesehen habe, wurde das o+u gesprochen. Das waren allerdings, wie ich es auch gelernt hatte, sämtlich Verben (思う usw.).

      Japanische Schriftsprache und gesprochene Sprache sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Ob man ou oder oo sagt, hängt nicht davon ab, ob das o durch ein Kana oder ein Kanji ausgedrückt wird. Aber um deine Frage zu beantworten: O-medetou wird mit einem langen o gesprochen.

      • 6 | Drekelmann

        Ob man ou oder oo sagt, hängt nicht davon ab, ob das o durch ein Kana oder ein Kanji ausgedrückt wird.

        Wenn ich dich richtig verstanden habe, bedeutet das also, dass man 思う auch als “omoo” sprechen kann?

        • 7 | naich

          Nein, ich meinte damit, dass es egal ist, ob man 思う oder おもう schreibt, man spricht es immer mit OU aus.

          • 8 | Drekelmann

            Zusammenfassung:

            う verlängert immer お, unabhängig davon, zu welchem Kanji es gehört – oder ob es als Hiragana hintendran hängt -, außer als Verbendung, dort wird es immer getrennt gesprochen.

            Habe ich jetzt alles richtig verstanden?

          • 9 | naich

            Nein, う verlängert längst nicht immer お xD
            Es gibt keine ersichtliche Regel, wann man bei おう OU oder OO sagt, die Aussprache muss zum Wort dazugelernt werden. Halte dich nicht daran fest, dass die japanische Aussprache angeblich immer regelmäßig ist, das ist eine glatte Lüge, um Anfänger anzulocken xD

          • 10 | Drekelmann

            Nein, う verlängert längst nicht immer お

            Darum ja mein Zusatz: “außer als Verbendung, dort wird es immer getrennt gesprochen”, was wegen

            Es gibt keine ersichtliche Regel, wann man bei おう OU oder OO sagt

            offenbar ja auch nicht stimmt.

            Halte dich nicht daran fest, dass die japanische Aussprache angeblich immer regelmäßig ist

            Hm, welche Aussprache ist schon immer regelmäßig? (Und seit wann bestätigen Ausnahmen die Regel nicht mehr?) Aber wenn おう nur als Verbendung getrennt gesprochen werden würde, wäre das ja etwas, das man als “Regel” auffassen könnte (wie んぱ = mpa usw.). Aber mir ging und geht es gar nicht um die Regelmäßigkeit (oder Unregelmäßigkeiten) der japanischen Aussprache, sondern um おう/お〜う, und das ist ja wohl jetzt geklärt – wenn auch nicht unbedingt nach meinem Geschmack, aber man muss Fakten ja so hinnehmen, wie sie sind.

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